Beitragsbild_Vision

Strategie-Workshop bei einem Energieversorger. Dieser stellt seine Infrastruktursparte neu auf, möchte dazu eine neue Unternehmensvision formulieren. Wir begleiten die Führungsrunde, erklären wozu eine Vision dient und wie diese entwickelt wird. In den intensiven Gesprächen konfrontieren uns die Entscheider mit ihren Glaubenssätzen rund um eine Unternehmensvision. Zehn dieser diskutierten Ansichten greifen wir in diesem mosaiic Impuls heraus. Wir zeigen, dass es sich um Mythen handelt, wo genau die Schwachpunkte liegen und wie Sie davon für Ihre Unternehmensvision profitieren können.

Die 10 häufigsten Mythen beim Aufstellen einer Vision

Wie im mosaiic Impuls Orientierung im Business – in fünf Schritten zur Unternehmensvision erläutert, definiert eine Unternehmensvision das ‚Warum‘ Ihres Unternehmens. Eine gute Vision ist zukunftsbezogen, richtungsgebend, nützlich, emotional, unverwechselbar und glaubwürdig.

Soweit so gut. Doch was ist mit den verbreiteten Glaubenssätzen, die sich um eine Unternehmensvision ranken? Vor kurzen hatten wir ein Workshop bei einem deutschen Energieversorger. In diesem wurden wir mit mehreren Mythen konfrontiert, auf die wir nacheinander eingehen. Alle Personennamen haben wir anonymisiert.

Mythos 1 – Unser Unternehmen braucht keine Vision

„Brauchen wir überhaupt eine Vision?“ stellt direkt zu Beginn des Workshops Herr Meyer – einer der Führungskräfte – provozierend die Frage und ergänzt „Wir arbeiten profitabel, verfügen über einen soliden Kundenstamm und beschäftigen treue Mitarbeiter. Weshalb der ganze Aufwand?“.

Wir sind uns sicher: Ihr Unternehmen profitiert von einer Vision. Eine kristallklare Sicht der Unternehmensführung, in welche Richtung sich Ihre Organisation mittel- bis langfristig entwickelt. Ein Magnet für die Aufmerksamkeit Ihrer Mitarbeiter, der es ermöglicht Kräfte zu bündeln und in eine gemeinsame Zukunft zu blicken.

Eine Unternehmensvision fungiert als Vorlage, als Blaupause. Wie bei einem Puzzlespiel, welches viele Menschen arbeitsteilig parallel zusammensetzen, liefert Ihre Vision das zu erreichende Zielbild. Sie gibt Ihrem Unternehmen das ‚Wozu‘ – ein Motiv für Ihre Mitarbeiter sich anzustrengen, über sich hinauszuwachsen.

Mythos 2 – Die Unternehmensvision ist nur Papier

„Okay. Wenn eine Vision erforderlich ist, dann formulieren wir halt eine.“ meldet sich Frau Dr. Stein, eine anderer Workshopteilnehmerin. „Es kann doch nicht so schwer sein ein bis zwei Leitsätze für unsere Company aufzuschreiben.“ fährt sie pragmatisch fort.

Viele Eigentümer, Unternehmer und Entscheider denken, eine Vision gehöre einfach zur Firma dazu. Wie die Postadresse oder die Webseite. Schnell wird dann ein halbwegs passender Satz notiert. Die Unterlage verschwindet anschließend im Schreibtisch bzw. in den Untiefen des Netzlaufwerks.

Fest steht: eine Unternehmensvision ist zunächst immateriell. Eine formuliertes Zielbild, festgehalten auf einem Stück Papier oder einer PowerPoint Folie. Einmal festgehalten und umgesetzt, entfaltet sie jedoch eine materielle Wirkung. Sie bestimmt, was im Unternehmen geschieht. Und was nicht. Damit schafft sie zwischen der Belegschaft eine gemeinsame Identität, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, einen geteilten Zweck.

Als mentale Landkarte einer positiven Zukunft fokussiert eine Unternehmensvision. Sie konzentriert Zeit, Ressourcen und Aufmerksamkeit von Ihnen, Ihrem Führungsstab und den Mitarbeitern auf das Zielbild.

Mythos 3 – Eine Vision zu erstellen dauert Wochen

Frau Dr. Stein ist mit unserer Antwort noch nicht zufrieden. Sie verlagert ihre Argumentation. „Haben wir nicht bereits eine Unternehmensvision?“ fragt sie an ihre Kollegen gerichtet. Sie fährt fort: „Soweit ich weiß haben wir diese damals wochenlang definiert. Nochmal diese ganze Arbeit? Nein, danke!“.

Regelmäßig beobachten wir, dass das Aufstellen der Unternehmensvision einer Dauerbaustelle gleicht. Über Monate hinweg ringt der Führungsstab um die optimale Formulierung, sucht das perfekte Zielbild. Schlimmer als eine nicht ganz perfekte Fassung Ihres Zukunftsbildes zu haben, ist es gar keine Vision zu haben.

Legen Sie daher Pragmatismus an den Tag. Entwickeln sie in wenigen Tagen eine Ausrichtung für Ihr Unternehmen und verbessern Sie dieses Bild iterativ. Wie ein agiles Softwareunternehmen, verfeinern Sie Ihre Unternehmensvision schrittweise, nahe am Kunden und transparent zur Belegschaft.

„Our vision sets out our ambition to deliver connectivity and innovative services to improve people’s livelihoods and quality of life. Central to achieving this vision is our longstanding commitment to manage our operations responsibly and ethically.“ – Vision Vodafone

Mythos 4 – Die Vision unseres Unternehmens ist ein Gemeinschaftswerk

„Wir müssen unbedingt die gesamte Belegschaft in den Visionsprozess einbinden.“ empfiehlt Herr Falk – einer der weiteren Führungskräfte. „Gute Dinge, entstehen im Unternehmen immer basisdemokratisch. Mit dem Bottom-up Vorgehen verankern wir die Vision gleichzeitig bei unseren Kollegen.“.

Es klingt verlockend, alle Mitarbeiter in die Aufstellung einer Unternehmensvision einzubinden. Immerhin entsteht somit ein von allen getragenes Gesamtbild. Das Problem dabei: die Entscheidung von Großgruppen mündet stets in einen demokratischen Minimalkonsens. Es wird die Vision verabschiedet, mit der alle einhergehen, die zu allen passt.

Als Unternehmer, Geschäftsführer bzw. Eigentümer ist es ihre Aufgabe, die Vision zu entwickeln.  Sie entscheiden über den einzuschlagenden Kurs. Dabei können Sie Ideen und Anregungen von der Basis einholen. Der Autor ist und bleiben jedoch Sie und Ihr Führungsteam.

Mythos 5 – Die Vision sollte unbedingt überambitioniert sein

Mitten im Meeting schlägt uns Herr Meyer vor „Lasst uns schauen, welche Vision Apple hat. Das nehmen wir dann, geben dem Ganzen aber dann noch etwas mehr Pepp.“. Herr Meyer blickt in die Runde, sucht die Bestätigung seiner Kollegen.

Wir finden: ambitionierte Unternehmensvisionen sind gut. Zu weit sollten diese jedoch nicht von der wirtschaftlichen Realität entfernt sein. Daher: entwerfen Sie die Vision Ihres Unternehmens auf soliden Annahmen über die Entwicklung der Kundenbedarfe, Wettbewerbsstrukturen und Partnernetzwerke. Gehen Sie mit Sorgfalt und Augenmaß vor.

Machen Sie anschließend den Risikotest. Gegenüber welchen Marktentwicklungen und Überraschungen ist Ihre Unternehmensvision geimpft? Wo existieren offene Flanken? Die in Vision zu Papier gebrachte realitätsbezogenen Entscheidungen bestimmen die Entwicklung Ihres gesamten Unternehmens. Sie konstituieren es.

Mythos 6 – Umsatz, Einfluss und Reichtum stehen im Zentrum der Vision

„Geht es am Ende nicht immer um Profit und Größe?“ fragt Herr Falk die Führungskollegen und leitet ab „Unsere Unternehmensvision sollte unseren Streben nach wirtschaftlichem Erfolg und Geltung reflektieren.“. Als potentieller Endkunde des Energieversorgers sehen wir diese Vision jedoch kritisch. Was nützen uns dererlei Bestrebungen?

Das am schnellsten wachsende Unternehmen. Die profitabelste Firma. Der größte Konzern. Eigenschaften wie diese gehören nicht in eine Vision. Eine Unternehmensvision ist ein positiver Traum. Dieser nützt ihren Kunden, Partnern und Mitarbeitern, im Gegensatz zu nur wenigen Entscheidern im Führungsstab.

Statt einen egozentrischen Anspruch, sollten Sie in Ihrer Unternehmensvision den Kundenmehrwert hervorheben. Je größer dieser Mehrwert, desto mehr und zufriedenere Kunden, desto besser schließlich für Ihre Organisation.

„We aim to be a globally respected and sustainable company“_ – Vision Infosys Limited

Mythos 7 – Die Begriffe ‚führend‘, ‚kundenzentriert‘ und ‚innovativ‘ gehören in die Vision

Unser Workshop beim Energielieferanten schreitet voran. Kurz vor der Halbzeitpause schlägt ein Manager folgende Vision vor: „Wir sind der führende Dienstleister von verlässlicher, innovativer und kostengünstiger Energie. Damit begeistern wir unsere Kunden nachhaltig, deren Zufriedenheit für uns im Mittelpunkt steht.“.

Unternehmensvision wie diese, finden Sie zuhauf – auf Webseiten, in Hochglanzbroschüren, in Unternehmenspräsentationen. Jeder deutschsprachige Energielieferant könnte diese Vision haben, etwas abgewandelt sogar Ihre Stammbäckerei oder Ihre Lieblingspizzeria.

Machen Sie den Unterschied. Statt einer zu breiten, vagen und unfertigen Unternehmensvision, formulieren Sie spitz, spezifisch und individuell. Ihre Unternehmensvision ist unverwechselbar und sticht aus dem Einheitsbrei der Marketing-Füllworte heraus.

Mythos 8 – Eine gute Vision ist textlastig

Wir blicken auf die vielen Zeilen des Visionsvorschlags von Herrn Schmidt. Lange Schachtelsätze und Fachbegriffe prägen Herrn Schmidts Text. Regt diese Unternehmensvision tatsächlich an? Inspiriert sie? Wohl eher nicht.

Vision kommt vom lateinischen ‚videre‘ – sehen. Zum einen soll Ihre Unternehmensvision ein attraktives Zukunftsbild malen. Zum anderen sollen sie die Vision in Bildern, Videos und Grafiken präsentieren. Lange und komplizierte Fließtexte sind da hinderlich.

Einprägender sind Bilder. Ihre Belegschaft merkt sich kurze ausdrucksstarke Sprache inklusive Visualisierungen viel besser als abstrakte Texte.

Mythos 9 – Eine Vision muss korrekt, sachlich und trocken sein

Noch ein zweiter Aspekt fällt uns beim Vorschlag von Herrn Schmidt auf. Lassen sich so viele nüchterne Fakten überhaupt im Kopf behalten? Muss Herr Schmidt nicht eher nachlesen, wenn er seine Vision intern kommuniziert?

Kennen Sie die Vision Ihres Unternehmens auswendig? Wie geht es Ihrer Belegschaft? Ihren direkten und indirekten Mitarbeitern? Haben Sie alle denselben Wortlaut auf den Lippen, dasselbe Bild im Kopf?

Eine gute Unternehmensvision sollte einfach verständlich sein. Nicht zu lang im Text und direkt kommunizierbar. Den Visionskern können Sie in eine Story einbetten und mittels einer Visualisierung unterlegen. Ruhen Sie nicht eher, bis Sie auf Basis ihrer Vision einen ergreifenden und emotionalen Vortrag halten können.

„Einen besseren Alltag für die vielen Menschen schaffen.“_ – Vision IKEA

Mythos 10 – Eine gute Vision ist Selbstläufer und braucht keine Kommunikation

Kurz vor Ende unseres Workshops. Wir blicken auf die 10 Visionskandidaten und den einen Gewinner – die Unternehmensvision für den Energielieferanten. „Was haltet ihr davon die gewählte Vision im nächsten Townhall Meeting offiziell vorzustellen. Anschließend wissen alle Mitarbeiter Bescheid.“ schlägt der Geschäftsführer Herr Dr. Thorsten vor.

Eine formulierte Unternehmensvision ist nur die halbe Miete. Im zweiten Schritt müssen Sie das Zielbild fortwährend kommunizieren. Ansonsten laufen Sie Gefahr, das Ihre Vision keine Rolle spielt. Das sie untergeht in den Wogen des operativen Tagesgeschäfts.

In Konsequenz: Rufen Sie vor jeder strategischen Entscheidung Ihre Unternehmensvision in Erinnerung. Setzen Sie die Vision zu Beginn und ans Ende einer jeden Präsentation. Machen Sie Ihrer Belegschaft unmissverständlich klar, dass es sich um das existenzielle Fundament ihres Unternehmens handelt. Füllen Sie das Vakuum mit einer gemeinsamen Vorstellung zur Zukunft Ihrer Organisation.

Fazit

In digitalen, schnelllebigen Zeiten ist eine positiv formulierte, richtungsgebende Unternehmensvision Gold wert. Sie gibt Ihnen und Ihrer Belegschaft Orientierung, schafft einen gemeinsamen Fixpunkt, zeichnet ein erstrebenswertes Bild der unternehmerischen Zukunft. Umschiffen Sie gekonnt die vorgestellten Mythen der Unternehmensvision. Viel Erfolg!

Sie möchten für Ihr Unternehmen eine zugkräftige und gleichsam attraktive Vision entwickeln? Gerne arbeiten wir im Rahmen eines gemeinsamen Workshops mit Ihnen an Ihrem Zukunftsbild. Versiert, kritisch und auf Augenhöhe.