Design Thinking - Mehrwert für das Usability Engineering?

Seit geraumer Zeit ist der Begriff Design Thinking nahezu omnipräsent, wenn man im Netz nach Themen wie Nutzerorientierung, Innovative Produktentwicklung oder kreativer Gestaltungsprozess sucht. Jeder wirbt mit Design Thinking als dem neuen Denkansatz zur Lösung komplexer Probleme. Aber was ist dran an der Glorifizierung und können auch Unternehmen, die bislang auf das klassische Usability Engineering setzen, davon profitieren?

Wir von mosaiic wollen heute kurz aus dem Blickwinkel der Usability-Experten das Thema Design Thinking beleuchten und bewerten, inwiefern Design Thinking auch für das schon seit über 30 Jahren existierende Usability-Engineering einen Mehrwert darstellt. Schauen wir auf die Definitionen, Methoden und Anwendungsbereiche der beiden Disziplinen:

Design Thinking und Usability Engineering – Zwei Disziplinen im Fokus

Usability Engineering ist ein Prozess, in dessen Verlauf die Usability (oder auch Gebrauchstauglichkeit) eines Produktes definiert, gemessen und optimiert wird. Der Prozess lässt sich in folgende vier Abschnitte gliedern:

  • Nutzungskontext verstehen und beschreiben
  • Nutzungsanforderungen definieren
  • Konzepte entwickeln & Entwürfe erstellen
  • Gestaltungslösungen aus Nutzersicht evaluieren.

Die vier Stufen bilden einen iterativen Prozess, der den späteren Nutzer in den Mittelpunkt stellt. Basis von allem ist eine ausführliche Analyse dessen, was der spätere Nutzer mit dem zu entwickelnden Produkt oder System tun soll, wobei der sogenannte Nutzungskontext auch das Umfeld des Nutzers mit einbezieht. Angestrebtes Ergebnis ist eine hohe Effektivität und Effizienz in der Zielerreichung des Nutzers und vor allem seine Zufriedenstellung.

Usability Engineering iterativer Prozess

Design Thinking ist ein Kreativprozess zur Problemlösung und Ideenfindung. Er wird in vier bis sechs Abschnitte gegliedert. Wir stellen hier die Variante mit sechs Abschnitten dar:

  • Verstehen (oder auch Einfühlen)
  • Beobachten
  • Sichtweisen definieren
  • Ideen finden
  • Prototypen erstellen
  • Testen
Design Thinking iteratives Vorgehen

Das iterative Vorgehen ist im Denkansatz des Design Thinking ebenso essenziell, wie der Bezug auf den Nutzer. Weitere Voraussetzung für die Anwendung von Design Thinking sind ein multidisziplinäres Team und ein kreativer Schaffensraum. „Kreativ“ ist das Stichwort, was uns zum Hauptzweck des Design Thinking leitet: Das Erarbeiten und Bewerten von innovativen Lösungs- oder Produktideen. Der Fokus liegt im Generieren vieler Lösungsansätze (Quantität vor Qualität) und einer schnellen Bewertung (Low-Fidelity-Prototyp) und nicht in der realen Umsetzung der Idee. Ein Leitsatz des Design Thinking lautet: “think big, start small, fail cheap or scale fast”.

Design Thinking und Usability Engineering – Die wichtigsten Gemeinsamkeiten

Die Gemeinsamkeiten liegen auf der Hand: Beide Ansätze stellen den Nutzer ins Zentrum der Entwicklungsarbeit, verfolgen also die Grundsätze des UCD (User centered design). Bei beiden Herangehensweisen setzt man auf Multidisziplinarität des Teams.  Beide Ansätze trennen Problem- und Lösungsraum (siehe „Double-Diamond“ des British Design Council). Sie wenden somit divergente, Alternativen schaffende Techniken beim Perspektiven- und Ideensammeln an und selektieren/ priorisieren zur Eingrenzung des Problem- und Lösungsraums.

Double-Diamond - British Design Council

Prinzipiell bedienen sich Usability Engineering und Design Thinking in vielen Bereichen der gleichen Methoden (beobachtende Interviews, Personas, Prototyping, …) Der Unterschied kommt meistens erst in einer detaillierteren Betrachtung der Umsetzung und des Anwendungsgebietes.

Design Thinking und Usability Engineering – Die grundlegendsten Unterschiede

Das Anwendungsgebiet von Usability Engineering ist die Verbesserung oder Neuentwicklung eines interaktiven Systems. Die Produktidee ist somit schon vorhanden und verlangt nach einem benutzerfreundlichen, evaluierten Ergebnis (methodisches Vorgehen → verbindliche Lösung). Das Design Thinking fokussiert auf das Finden einer im Team entwickelten, bewerteten und vor allem innovativen Produktidee. Die reale Umsetzung ist nicht Gegenstand der Betrachtung. Die Usability des zukünftigen Produktes oder Systems ist ein untergeordnetes Ziel der innovativen Idee (kreatives Vorgehen → konsensgetriebener Lösungsvorschlag).

Gilt für Usability Engineering und Design Thinking nun „sehr ähnlich und doch ganz anders“?

Je nachdem, ob man die Grundsätze und Methoden oder das Anwendungsgebiet der beiden Ansätze als auschlaggebend erachtet, wird man zu unterschiedlichen Antworten kommen. Wir aber wollten wissen, inwiefern das klassische Usability Engineering vom Design Thinking profitieren kann? Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass man diese Frage eindeutig mit ja beantworten kann.

Beispiel 1 – Scoping

Bei der Entwicklung oder Optimierung von Business Software werden wir als Usability Experten oft mit Aufgaben- oder Problemstellung konfrontiert, deren Komplexität sich erst im Laufe des Projektes herausstellt. Unsere Erfahrung zeigt, dass angewandtes Usability Engineering oft dazu führt, dass er Scope eines Projektes im Nachhinein erweitert werden muss, da bislang nicht bedachte Problemstellungen oder Perspektiven hinzukommen. Setzen Unternehmen oder Entscheider schon bei der Beschreibung der Problemstellung und damit der Festlegung des Projekt-Scopes auf die Methodik des Design Thinking, kann man schon vor Beginn eines Projektes eine bessere Einschätzung des Projektinhaltes und -umfanges erhalten.

Beispiel 2 – Prototyping

Die Grundsätze des Design Thinking „start small & fail cheap“ sollte von Unternehmen  gerade auch in der Gestaltungsphase des Usability Engineerings stärker in Betracht gezogen werden. Das schnelle Generieren, Bewerten und ggf. Scheitern von einfachen Prototypen (z.B. Paper-Prototyping) mit entsprechender Iteration liefert einen frühen Input zur Umsetzung der Nutzerbedürfnisse und beschleunigt den Entwicklungsprozess.

Fazit

Beide Disziplinen haben viele Gemeinsamkeiten bezüglich der Grundsätze und Methoden aufzuweisen, kommen aber bislang in verschiedenen Bereichen zur Anwendung. Unternehmen, die bislang auf das klassische Usability Engineering setzen, können unserer Meinung nach profitieren, wenn sie sich dem Denkansatz und den Herangehensweisen des Design Thinking stärker öffnen. Allgemein birgt der konsequent multidisziplinäre Ansatz des Design Thinking in Verbindung mit der eingeforderten Empathie nicht nur die Chance, Wissen neu zu kombinieren und dadurch zu innovativen neuen Produkten zu gelangen, sondern auch, die wahren Probleme und Bedarfe zu erkennen und somit den Weg für ein neues benutzerfreundliches Produkt oder System zu ebnen.