Auf Glatteis - vier gefährliche Stolperfallen bei der Software Bewertung

Kennen Sie das? Die Initiative Software Bewertung “Next Application Lifecycle Management” befindet sich auf der Zielgraden. Das ursprüngliche Feld von 15 Lösungen wurde durch Sie in den vergangenen Monaten auf zwei verbleibende Kandidaten zusammengedampft. Intern steht der Favorit längst fest. Auf Bitten des Top Management ziehen Sie für den letzten Hersteller Workshop einen externen Bewerter hinzu. Doch statt Ihre Einschätzungen zu stützen, stellt er die Bewertung in Frage. Wieso? Weshalb? Warum? Möglicherweise sind Sie in Ihrem Evaluierungsprozess in eine der vier kognitiven Stolperfallen getappt.

Software Bewertung Stolperfalle 1: Tendenz zur Mitte-Effekt

Menschen neigen dazu, sich für den Mittelweg zu entscheiden. Was heißt das in der Software Bewertung? Bietet beispielsweise Alternativ A geringen fachlichen Nutzen zu einem niedrigen Preis, Alternative B mittleren fachlichen Nutzen zu einem mittleren Preis und Alternative C einen hohen fachlichen Nutzen zu einem hohen Preis, dann optiert die Mehrzahl an Entscheidern für Alternative B. Auch bei der Evaluierung einzelner Kriterien auf Basis einer mehrstufigen Skala (beispielesweise 1-5), votiert das Gros der Akteure eher für eine mittlere Note, als für eines der beiden Extrema.

Beugen Sie dem Error of central Tendancy vor, indem Sie eine gerade Anzahl von Software Lösungen auf der Shortlist führen. Setzen Sie zudem eine Kriterienskala von 1 bis 4 ein und unterbinden Sie damit neutrale Bewertungen.

Software Bewertung Stolperfalle 2: Heiligenschein-Effekt

Eine weiteres kognitives Phänomen ist der Heiligenschein-Effekt, auch bekannt unter der englischen Bezeichnung Halo-Effekt. Der Halo-Effekt tritt auf, wenn die ersten Kriterien einer Softwarelösung sehr positiv ausfallen und dann die Bewertung aller weiteren Eigenschaften beeinträchtigen. Von einzelnen Merkmalen des Tools, die in der Bewertung ganz oben stehen, wird auf alle weiteren geschlossen. Die Gefahr: die Bewertung der Software fällt zu gut aus. Legt eine Alternative einen fulminanten Evaluierungsstart hin, überstrahlt dieser ihre weniger überzeugenden Kriterien.

Statt alle Eigenschaften für eine einzelne Software nacheinander zu bewerten, sollten Sie zeilenweise Vorgehen. Evaluieren Sie dazu ein Kriterium für alle Lösungsalternativen. Das fortwährend Wechseln zwischen den Lösungen schwächt den Heiligenschein-Effekt spürbar ab.

Software Bewertung Stolperfalle 3: Täusch-Effekt

Ein dritte Stolperfalle ist der sogenannte Täusch-Effekt, vom Marketing gerne auch Decoy-Effekt genannt. Dazu kreiert ein Tool Hersteller künstlich eine weitere Software Alternative, die der bevorzugten Lösung in vielen Kriterien (insbesondere den hoch gewichteten) unterlegen ist. Steht nun die Auswahl an, neigen die Bewerter mit Blick auf den ausgelegten Köder, die überlegene Option des Herstellers zu wählen.

Werden Sie stutzig, wenn ein Software Anbieter zwei seiner Tools in Ihr Rennen schickt. Dominiert eine Lösung klar die andere, so wendet der Hersteller (unbewusst) den Täusch-Effekt an. Streichen Sie die überflüssige Alternative sofort von der Liste und betrachten Sie die einzelne Lösung im 1:1 Vergleich zu den direkten Wettbewerbern.

Software Bewertung Stolperfalle 4: Versunkene Kosten-Effekt

Letzter kognitiver Effekt bei der Software Bewertung sind die versunkenen Kosten, auch genannt Sunk Cost Fallacy. Dabei handelt es sich um finanzielle, zeitliche, personelle, etc. Aufwände, die bereits in eine Software Alternative geflossen sind und nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Die aktuelle Forschung zeigt, dass Personen in der Regel Lösungen bevorzugen, in die sie sich bereits stark investiert haben. Ist bei Ihnen also bereits viel Energie in ein Tool geflossen, stehen die Chance hoch, dass der dahinterstehende Hersteller letztlich den Zuschlag erhält.

Versuchen Sie versunkene Kosten bei Ihrer Tool Entscheidung auszublenden. Limitieren Sie gleichsam die Aufwände, die Sie einer Lösung, einem Anbieter, einer Testinstallation, etc. zugestehen. Verteilen Sie schließlich Ihre Anstrengung gleichmäßig über alle verfügbaren Alternativen.

Fazit

Hand aufs Herz – verläuft bei Ihnen jede Software Bewertung ganz und gar objektiv? Vielleicht nicht ganz bzw. nicht immer. Mit den vorgestellten kognitiven Stolperfallen kennen Sie nun die typischen Wahrnehmenungsverzerrungen bei der Auswahl von Tools. Und können bewusst gegensteuern bzw. bei Entscheidern diese zu Ihr Gunsten anwenden. Beschleunigen Sie zudem das Verfahren mit unseren 4 Speed-Tipps.

Interessiert Sie das Thema, empfehlen wir das Buch Schnelles Denken, Langsames Denken vom Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman. Neben den diskutierten Effekten behandelt der Bestseller viele weitere kuriose Phänomene des menschlichen Verhaltens.

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