mosaiic hatte Gelegenheit Dr. Kim Lauenroth - Chief Requirements Engineer der adesso AG sowie 1. Vorsitzender von IREB - zu den Themen Digital Design und Requirements Engineering zu interviewen.

“Why Software Is Eating the World” titelte Marc Andreessen einst im The Wall Street Journal. Das war am 20. August 2011. Inzwischen sind sieben Jahre vergangenen und inzwischen wissen wir: Andreessen betrachtete in seinem vielzitierten Beitrag nur die halbe Wahrheit. Denn so viel steht nach Amazon Alexa, Apple iPhone und Facebook Oculus Go fest: Nicht Software allein, sondern Software in Kombination mit Hardware „is eating the World“. Doch wer setzt sich eigentlich in unseren Unternehmen mit beiden Aspekten auseinander? Dem reibungslosen Zusammenspiel von Softwarecode sowie den physischen Trägerkomponenten? Dr. Kim Lauenroth meint: der Digital Designer. Interessante Berufsbezeichnung und für uns ein Grund für ein Interview.

Herr Dr. Lauenroth: Wer oder was ist ein Digital Designer? Ein neues Buzzword der Personalabteilungen?

Definitiv nicht. Genau wie sich im Bauwesen die Architekten und in der Produktentwicklung die Industrie-/Produktdesigner als eigenständige Gestaltungsprofession etabliert haben, braucht es eine Gestaltungsprofession für die Digitalisierung. Digital Design ist für mich genau diese neue Profession und versteht sich als das Pedant zum Bau-Architekten bzw. Industrie-/Produktdesigner.

In den 1990ern hatten wir den Softwareentwickler und Projektleiter, 10 Jahre später dann den Enterprise Architect und Scrum Master, 2018 nun den Digital Designer. Gibt es in den Firmen neue Digital-Aufgaben oder hatten wir früher einfach etwas übersehen?

Übersehen haben wir sicherlich nichts. Die Welt hat sich einfach massiv gewandelt. „Früher“ war IT primär ein Thema der Unternehmen und wir brauchten Experten, die die verstandenen Prozesse der Unternehmen in Software übertragen konnten. So wurde IT quasi zum Rückgrat unserer Wirtschaft. Mittlerweile ist IT, besonders durch Smartphones und das mobile Internet zu einem Massenphänomen geworden und wir entwickeln neue digitale Produkte und digitale Geschäftsmodelle. Die Systeme hinter diesen Digitalvorhaben sind zwar immer noch Software, aber eine andere Form von Software, daher brauchen wir auch eine andere Herangehensweise.

In ihren Artikeln und Vorträgen unterscheiden Sie zwischen einem Softwarevorhaben und einem Digitalvorhaben. Mit wenigen Worten umrissen: worin liegt der Unterschied?

Digitalvorhaben sind größer als Softwarevorhaben. Software ist ein Vehikel der Digitalisierung, dazu braucht es noch Endgeräte und vor allen Dingen ein Verständnis darüber, was ich überhaupt digitalisieren will und was nicht.

Nehmen Sie als Beispiel einen Baumarkt, der sich digitalisieren möchte. Die meisten Produkte eines Baumarkts (Werkzeuge, Metallwaren, etc.) können sie ja gar nicht digitalisieren, da geht es um materielle Dinge. Ein Onlineshop für Baumarktartikel ist zwar eine gute Idee, aber funktioniert vermutlich auch nicht für alle Artikel. Was vielleicht funktionieren kann, ist die Einkaufsliste und eine Vorbestellung über das Netz. Ich stelle meine Produkte online zusammen und kann dann den gepackten Einkaufswagen in Empfang nehmen. Und nach all diesen Überlegen fängt nun erst das Softwareprojekt an, denn sie müssen die Software für diesen Prozess entwickeln.

Usability Engineering, Architekturmanagement, Design Thinking, Requirements Engineering – das sind verschiedenste Disziplinen. Wie kann eine einzelne Person mit der Rolle des Digital Designers dies alles methodisch abdecken?

Zum einen braucht es die richtige Person dafür und dann noch die richtige Ausbildung. Bau-Architekturwesen ist beispielsweise ein grundständiger Studiengang, da das Themengebiet so komplex und umfassend ist. Gleiches gilt für mich auch für den Digital Designer.

Ebenfalls fordern Sie die IT und Fachbereiche auf, sich am Industriedesign zu orientieren. Hardware und Software – sind das nicht zwei verschiedene Paar Schuhe?

Ja und nein. Wenn Sie über Geschäftsanwendungen nachdenken, dann stellt man sich meist Menschen in Büros vor, die am PC sitzen. Da geht es primär um Software. Aber denken Sie mal an Geräte wie Alexa, dort wird ein Endgerät mit Software ausgeliefert, um eine Funktion zu erfüllen. Genauso die vielen Wearables, die Puls oder Schritte messen. Auch hier kombiniert sich Hard- und Software, um ein gutes Produkt zu erstellen. Daher braucht ein Digital Designer sowohl ein Verständnis über die Möglichkeiten von Software als auch von Hardware.

Nutzerbedarfe, technische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit – wie finde ich konkret den Sweet Spot eines guten Digital Designs?

Entweder durch Glück oder durch harte Arbeit und Erfahrung. Die harte Arbeit können Sie von Bau-Architekten und Designern lernen. Dort weiß man schon lange, dass ein Entwurf viele Male geprüft, überarbeitet und verbessert werden muss, bis ein gutes Design entsteht.

Themenwechsel: Sie sind Vorsitzender des 2006 gegründeten International Requirements Engineering Boards (IREB). Wie hat sich das Requirements Engineering (RE) in den vergangenen 10 Jahren weiterentwickelt?

Nun, IREB ist ja nur ein Teil der Geschichte des RE. RE ist ja letztes Jahr 40 geworden und damit zufällig genauso alt wie ich. Aber mal im Ernst, die Grundkonzepte und Prinzipien des RE sind über die Jahre recht stabil geblieben, beispielsweise. der Anspruch an systematisches und sauberes Arbeiten mit Anforderungen.

Was sich aber definitiv verändert hat, ist die Welt um uns herum. Wir hatten das Thema ja vorhin schon beim Digital Design. Die Welt ist zum einen schnelllebiger geworden, die Antwort darauf war die Agilität und die hält auch Einzug in das RE. Zum anderen verändern sich die Systeme oder Produkte, die wir bauen. Vor allen Dingen werden sie größer und komplexer. Auch diesem Umstand muss das RE Rechnung tragen, beispielsweise durch bessere Techniken zur Dokumentation von Anforderungen in Form von Modellen.   

In drei Sätzen: was sind Ihrer Erfahrung nach die typischsten Fehler im Erheben, Dokumentieren, Abstimmen und Verwalten von Anforderungen?

  • Erheben: ohne Plan und Ziel in die Erhebung gehen und sich dann wundern, dass man am Ende des Tages nichts gelernt hat
  • Dokumentieren: auf Templates vertrauen, anstatt selbst über den Aufbau der Dokumentation nachzudenken
  • Abstimmen: Konflikte zu spät und zu zaghaft ansprechen
  • Verwalten: die Verwaltung der Anforderungen als Selbstzweck verstehen und nicht als Beitrag zum Projekterfolg

Mehr Digitalisierung, mehr Anforderungsmanagement. Ist jetzt die richtige Zeit, sich mit einem dedizierten Requirements-Management (RM) Tool auseinanderzusetzen?

Kollegen lachen immer mal über mich, dass ich meine Anforderungen gerne in Word und Excel dokumentiere und verwalte, auch in großen Projekten. Wenn man diese Tools beherrscht, geht das für eine gewisse Zeit wirklich ganz gut.

 RM-Tools kommen immer dann ins Spiel, wenn sie ihre Stärken ausspielen können, bspw. in Richtung Versionierung, Verfolgbarkeit oder verteiltes Arbeiten. Daher plädiere ich immer für einen pragmatischen Umgang mit Tools und natürlich dafür, die eigenen Methoden auch mal selbst anzuwenden. Machen Sie sich Gedanken um ihre konkreten Anforderungen, fragen Sie ihre Stakeholder und suchen sich dann das passende Tool aus. Am Ende kann es dann tatsächlich Word, ein Wiki oder ein professionelles RM-Tool sein. Kommt halt ganz darauf an.

Lassen Sie uns am Schluss noch etwas Glaskugel lesen: was kommt nach der Digitalisierung von Wertangeboten, Geschäftsprozessen und Business Modellen?

Da erwarten Sie aber viel von mir. Ich schließe meine Vorträge gerne mit dem Gedanken Analog ist das neue Bio. Das ist der Titel eines netten Büchleins und hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.

Bei aller Begeisterung für Technologie habe ich oft den Eindruck, dass Technologie und damit auch Digitalisierung um ihrer selbst willen betrieben wird. Halt nach dem Motto, wir tun es, weil wir es können. Ich denke daher, dass wir irgendwann „satt“ sein werden von der ganzen Digitalisierung. Dann werden wir vermutlich wieder anfangen, mehr über das Analoge nachzudenken und es dann auch wieder mehr wertschätzen. Das muss im Übrigen auch gar kein Widerspruch zur Digitalisierung sein. Nehmen Sie Streaming-Dienste wie Spotify, das ist ein genialer digitaler Dienst für ein sehr analoges Vergnügen: Musikhören.

 

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die Antworten!

Das schriftliche Interview führten Dr. Christopher Schulz (Fragen) und Dr. Kim Lauenroth (Antworten), 26. Juni 2018.

 

Zur Person Kim Lauenroth

Portraitbild Kim Lauenroth

Dr. Kim Lauenroth leitet bei der adesso AG ein Competence Center für RE und Produktgestaltung. Sein Schwerpunkt ist die strategische Gestaltung von Produkten und die Planung von Produktentwicklungsprozessen. Er ist erster Vorsitzender des IREB e.V. und im BITKOM engagiert er sich für die Etablierung des Digital Design als Gestaltungsprofession in der Software- und Digital-Industrie.