Beitragsbild Interview Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer

„Die digitalen Trends und Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts kommen aus China.“ behauptet Ralf T. Kreutzer, Professor, Buchautor und Keynote-Speaker. In Zeiten, wo halb Deutschland über Facebook, Google und Amazon debattiert, lassen solche Aussagen aufhorchen. China? Die verlässliche Werkbank Europas? Doch nach mehreren Forschungsreisen ins Reich der Mitte ist sich Kreutzer sicher:  Unternehmer und Politiker sollten fortan nach Osten blicken. Im Interview sprechen wir mit dem Berliner Hochschulprofessor über staatliche Masterpläne, den Datenschutz und der chinesischen Startup-Szene.

Prof. Kreutzer: Sie waren in den vergangenen 12 Monaten im Rahmen Ihrer Forschungsarbeiten zweimal in China. Ziel Ihrer Reise war es, digitalen und technologischen Entwicklungen auf den Grund zu gehen. Sind Sie in den falschen Flieger gestiegen? Normalerweise gehen doch die Digital-Inspirations-Trips immer ins Silicon Valley.

Zu häufig konzentrieren sich viele europäische Manager auf der Suche nach den neuesten Trends auf den Westen. Das ist heute aber nicht mehr zeitgemäß. Die heutigen Herausforderungen aus dem Silicon Valley kennen wir (hoffentlich) zur Genüge – die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts kommen aber vor allem aus China! Deswegen muss es heute heißen: Go East!

Seit 2015 besitzt China einen Masterplan für die Entwicklung der Wirtschaft bis zum Jahr 2025. Sie haben sich eingehend mit dem Papier auseinandergesetzt: Was kann sich Deutschland hier abschauen?

China hat heute etwas, was weder Deutschland, noch Europa, noch die USA aufweisen: einen Masterplan für die Entwicklung der Wirtschaft für die nächsten Jahre. Der Masterplan der chinesischen Regierung wurde 2015 von der chinesischen Führung unter Präsident Xi Jinping unter dem Titel „Made in China 2025“ beschlossen. Dort wurden die Ziele für die eigene Wirtschaft eindeutig definiert.

China soll nicht länger die verlängerte Werkbank der Welt sein, die im Auftrag international agierender und technologischer Konzerne nur den „produzierenden Part“ übernimmt. Ein solcher Masterplan für Deutschland bzw. für Europa fehlt seit Jahren! Jeder Manager und jeder Politiker sollte sich diesen Plan der Chinesen einmal genau anschauen – um nicht in fünf Jahren zu sagen: “Das haben wir ja nicht gewusst!”

Gleichzeitig schottet sich das Reich der Mitte vom Markt ab und fördert nationale Forschungs- & Entwicklungsinitiativen. Die USA ziehen mit neuen Zollauflagen nach. Ist das der einzige Weg zur wirtschaftlichen Großmacht?

Um eines gleich vorweg zu sagen: Eine Abschottung über Zollauflagen ist das Dümmste, was ein Staat machen kann. Hierdurch verlieren alle im globalen Wettbewerb.

Allerdings müssen wir (leider) zugestehen, dass eine (partielle) Abschottung des Marktes die Entstehung eigener (nationaler) Champions fördern kann. China hat auf diese Karte gesetzt und gewonnen – Europa nicht. Das letzte Mal, dass sich Europa (oder präziser Teile davon) zur Etablierung eines europäischen Champions verständigt hat, war die Gründung von Airbus Industrie – im Jahr 1970! Und alle Europäer wissen, was wir an diesem global agierenden Unternehmen haben: Technologie, qualifizierte Arbeitsplätze, Steuereinnahmen – und die Vermeidung eines Monopols namens Boeing!

Im Bereich der digitalen Lösungen ist es Europa dagegen nicht gelungen, europäische Champions zu schaffen! Und die Uneinigkeit in der Europäischen Union spielt nur den globalen Wettbewerbern in die Hände: europäisches Klein-Klein statt eines globalen, strategischen, gemeinsamen europäischen Handelns!

Speziell im Mai hielt die Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) deutsche Unternehmen in Atem. Dagegen führt China seit 2014 ein Social-Scoring-System ein, welches jeden Bürger auf Basis der persönlichen Daten bewertet. Zwei gegensätzliche Ansätze – was bedeutet dies wirtschaftlich?

In den letzten Monaten diskutierten in Europa (allein) die Politiker begeistert über die Datenschutzgrundverordnung, die zum 25. Mai 2018 in Kraft getreten ist. Es wurde zum Meilenstein erklärt, dass endlich die umfassende Datennutzung durch Unternehmen unterbunden worden ist. Große Budgets und viel Hirnschmalz sind dadurch in den Unternehmen in die Entwicklung von Prozessen geflossen, um dem wunderbaren Grundsatz der DSGVO „Verbot mit Erlaubnisvorbehalt“ sowie den Regeln „Privacy by design“ und „Privacy by default“ Rechnung zu tragen. Dabei haben die Politiker leider übersehen, dass Daten das Öl des Online-Zeitalters darstellen. Es gilt: Who owns the data, owns the business, owns the industry!

Europa hat folglich gerade beschlossen, dass den hier aktiven Unternehmen dieser Datenstrom nicht mehr in Pipelines zugeführt wird, sondern nur noch tröpfchenweise und zeitlich befristet. Wie sollen vor diesem Hintergrund Konzepte wie Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen zum Erfolg gebracht werden, deren Leistungsstärke mit den zur Verfügung stehenden Informationen steht und fällt? Und wie soll eine stärkere Individualisierung von Kommunikation und Leistungserbringung erfolgen, wenn Unternehmen die dafür notwendigen Daten nicht umfassend speichern und auswerten dürfen – im Vergleich zu ihren globalen Wettbewerbern?

Themenwechsel. Auf meinem Apple iPhone laufen die Apps für Facebook, WhatsApp, Amazon, Google Maps sowie PayPal. Als Chinese wäre stattdessen nur WeChat zu finden. Wie erklären Sie sich den Siegeszug dieser App?

Tencent hat mit WeChat eine Plattform entwickelt, die mit und durch die Nutzer gewachsen ist. Das Unternehmen hat erkannt, was die Kunden wünschen – und dieses dann geliefert. Für mich ist WeChat – so kritisch ich den Zugriff des Staates auf alle dort vorhandenen Informationen sehe – ein gelungenes Beispiel für ein agiles Projektmanagement – inkrementell, iterativ und ganz nahe am Kunden.

Unter anderem haben Sie auf Ihrer Reise den beiden Unternehmen Cheetah Mobile und Sensetime einen Besuch abgestattet. Was hat Sie während Ihrer Visite in diesen chinesischen Hightech-Firmen am meisten beeindruckt?

Diese beiden Unternehmen sprechen nicht nur über Technologie, sondern wenden sie konsequent an. Sensetime ist gerade zum wertvollsten KI-Start-up gekürt worden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Gesichtserkennung, die nicht nur zur Verbrechensbekämpfung, sondern (leider) auch zur Überwachung der eigenen Bevölkerung und eingesetzt wird. Cheetah Mobile setzt entsprechende Systeme zur Gesichtserkennung bei der Einlasskontrolle der Mitarbeiter ein – sehr smart und sehr schnell.

Zudem haben Sie sich mit dem Arbeitsleben von Chinas High Potentials beschäftigt. Statt in die ausländischen Konzerne, zieht es die Generation Y und Z zunehmend in eines der vielen Start-ups. Sind diese Jungunternehmen vergleichbar mit der deutschen Gründerszene?

Ich konnte eine große Ähnlichkeit der Dynamik von deutschen und chinesischen Start-ups feststellen. Hier wie dort sind risikobereite Menschen auf der Suche nach dem nächsten Unicorn – einem Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als einer Mrd. US Dollar.

Es gibt nur einen riesigen Unterschied: In China gibt es ein Vielfaches mehr an diesen Unternehmen als in Deutschland. Das wird die Wettbewerbssituation der globalen Märkte in den nächsten Jahren massiv verändern – deshalb meine Empfehlung: Go East!

China, das steht auch für hohe Umweltbelastung, soziale Ausbeutung, Vermischung von Staats- und Wirtschaftsinteressen sowie Technologie-Diebstahl. Welche dieser Vorurteile wurde während Ihrer Reisen bestätigt bzw. widerlegt?

In Peking wurde uns am Abreisetag auferlegt, das Hotel nicht ohne Mundschutz zu verlassen – dann blieb der Himmel überraschenderweise aber doch blau.

Ja, es gibt alles, was Sie aufgezählt haben. Ich bin für unternehmerische Freiheit, aber auch dafür, dass nicht die Wirtschaftsinteressen die Gesellschaft dominieren, sondern dass es zu einem fairen Ausgleich zwischen Wirtschaft und Gesellschaft kommt. Das ist für mich eine Kernaufgabe der Politik – und hier muss die Politik in Deutschland und Europa noch stärkere Akzente setzen, um nicht vor lauter Liberalität wirtschaftlich global ins Hintertreffen zu gelangen.

Angenommen Sie sind ein langfristiger Anleger und stehen auf dem Frankfurter Börsenparkett. Sie haben 1.000 Euro zur Verfügung und dürften entweder in deutsche, US-amerikanische oder chinesische Aktien investieren. Welche Papiere zeichnen Sie?

Ich würde jetzt chinesische Aktien von zukunftsträchtigen Unternehmen zeichnen. Bei den anderen bin ich – in bescheidenem Umfang – heute schon gut investiert!

Vielen Dank für Ihre Zeit!

/ Das Interview führte Dr. Christopher Schulz, 16. Juli 2018.

Zur Person Ralf T. Kreutzer

Profilbild Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer

Prof. Dr. Ralf T. Kreutzer ist seit 2005 Professor für Marketing an der Hochschule für Wirtschaft und Recht/Berlin School of Economics and Law. Parallel ist er als Trainer, Coach sowie als Marketing und Management Consultant tätig. Er war 15 Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei Bertelsmann, Volkswagen und der Deutschen Post tätig, bevor er 2005 zum Professor für Marketing berufen wurde.

Ein umfassender Bericht über die in China gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse wird Prof. Kreutzer in den Ausgaben 3/2018 und 4/2018 der Zeitschrift “Die Betriebswirtschaft” veröffentlichen.

Wer sein Unternehmen auf Erfolgskurs im digitalen Umfeld bringen möchte, wird in seinem Buch Kreutzer/Neugebauer/Pattloch, Digital Business Leadership, Wiesbaden, 2017, fündig.