Digitalisierung - einfach - machen! – Prof. Dr. Daniel Schallmo im Interview (digitale Transformation)

2017 ist die Digitalisierung omnipräsent. Kaum ein Unternehmen, Presseredaktion oder Universität, welche das Thema nicht aufgreift. Einer, der die Digitale Transformation seit vielen Jahren beforscht, Studierenden nahebringt und in der Praxis umsetzt ist der Dozent, Autor, Unternehmensberater und Gutachter Prof. Dr. Schallmo. mosaiic hat Prof. Schallmo interviewt und im Gespräch zahlreiche spannende Aspekte aus einem weiten Feld erfahren können.

Herr Prof. Dr. Schallmo – Hand aufs Herz: Welche digitalen Erlebnisse hatten Sie heute bereits?

Mein Tag beginnt damit, die Ergebnisse meiner Schlaftracking-App zu analysieren. Zum Glück deckt sich das mit meiner persönlichen Einschätzung. Wobei es sich hierbei mehr um eine Spielerei handelt.

Ein spannendes Erlebnis war heute eine Begegnung mit dem „emotionalen“ Roboter „Pepper“, den es zwar bereits ein paar Jahre gibt, der mich aber dennoch immer wieder begeistert. Ferner habe ich eine Microsoft HoloLens zu Testzwecken aufgehabt.

Ich warte gespannt auf den Tag, an dem morgens automatisch mein Speichel und mein Blut analysiert werden, um anhand der Erkenntnisse einen individuellen Vital-Drink erstellt wird, der präventiv mögliche Infektionskrankheiten verhindert.

Informationstechnik (IT) – sowohl für Privatkunden als auch Unternehmen – gibt es nicht erst seit gestern. Warum ist Ihrer Meinung nach derzeit das Thema ‘Digitalisierung’ und ‘Transformation’ in Fach- & Medienwelt so omnipräsent?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen haben wir wesentlich geringere Kosten für neue Technologien. Denken Sie z.B. an die Preisentwicklung von RFID-Tags der letzten Jahre oder die Preisentwicklung für 1 MB Arbeitsspeicher (DRAM) seit den 70-er Jahren (mehrere zehntausend Euro) und heute (wenige Cent). Viele Technologien sind zudem heute leistungsfähiger und platzsparender als in der Vergangenheit. Denken Sie an de Smartphones, die es seit ca. zehn Jahren gibt. Aufgrund der geringeren Kosten von Technologien, des geringeren Platzbedarfs und der höheren Leistungsfähigkeit haben wir eine viel höhere Verfügbarkeit, Durchdringung und Akzeptanz am Markt und in allen Bereichen.

Ferner werden die Vorteile und der Nutzen der Digitalisierung transparenter, was einen größeren Einsatz fördert. Unternehmen sind auch angehalten, Produkte und Dienstleistungen schneller, günstiger und in einer höheren Qualität anzubieten, was ebenfalls durch die Digitalisierung begünstigt wird.

All diese Gründe führen dazu, dass technologische Potenziale genutzt werden. Produkte bestanden früher aus mechanischen und elektrischen Komponenten und stellen heute komplexe Systeme dar, die eine Verknüpfung von Hardware, Software und Datenspeichern ermöglichen. Produkte sind folglich intelligenter und vernetzter als in der Vergangenheit.

Neben Produkten werden aber auch Dienstleistungen, Prozesse und Wertschöpfungsnetzwerke und die Kundenschnittstelle digitalisiert, was neue Geschäftsmodelle erfordert, aber auch ermöglicht.

Digitale Transformation, Internet-basierte Geschäftsmodelle, Industrie 4.0 Business Model: Kein Tag vergeht, an dem nicht ein neues Schlagwort die Runde macht. Als Hochschulprofessor: Wie definieren Sie den Begriff der ‘Digitalen Transformation von Geschäftsmodellen’.

Die Digitale Transformation von Geschäftsmodellen betrifft einzelne Geschäftsmodell-Elemente (z.B. Produkte, Kundenkanäle), das gesamte Geschäftsmodell, Wertschöpfungsketten sowie die Vernetzung unterschiedlicher Akteure in einem Wertschöpfungsnetzwerk.

Die Digitale Transformation einzelner Elemente von Geschäftsmodellen spielt insbesondere in etablierten Branchen eine Rolle, in denen eine tatsächliche Transformation von einem wenig digitalisierten hin zu einem digitalisierten Geschäftsmodell erfolgt. Natürlich sind in solchen Industrien auch digitale Geschäftsmodelle relevant. Dazu gehört z.B. Axoom, eine digitale Geschäftsplattform für Fertigungsunternehmen und Hersteller, die von Trumpf initiiert wurde.

Entscheidend ist, dass wir innerhalb der Digitalen Transformation von Geschäftsmodellen Enabler bzw. Technologien einsetzen (z.B. Big Data), die neue Anwendungen bzw. Leistungen (z.B. Bedarfsvorhersagen) erzeugen. Diese Enabler erfordern Fähigkeiten, die die Gewinnung und den Austausch von Daten sowie deren Analyse und Nutzung zur Berechnung und Bewertung von Optionen ermöglichen. Die bewerteten Optionen dienen dazu, neue Prozesse innerhalb des Geschäftsmodells zu initiieren.

Ihr aktuelles Buch aus der Reihe Springer Essential Jetzt digital transformieren: So gelingt die erfolgreiche Digitale Transformation Ihres Geschäftsmodells richtet sich an Unternehmen, die Ihr Geschäftsmodell digitalisieren wollen. Kurz und knapp zusammengefasst: Welche Grundvoraussetzungen müssen in Organisationen für die Digitale Transformation zutreffen?

Alles beginnt mit der Sensibilisierung aller Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens für das Thema der Digitalisierung. Viele Unternehmen leisten hier ganz gute Arbeit; dennoch gibt es Unternehmen, bei denen Unklarheit, gepaart mit Bedenken, Angst und sogar einer Abwehrhaltung gegenüber dem Thema dominiert.

Digitalisierung sollte innerhalb des Unternehmens jedoch nicht als Bedrohung, sondern als Chance angesehen werden.

Dann sollten die Strukturen und Möglichkeiten geschaffen werden, die Digitale Transformation des eigenen Unternehmens voranzutreiben. Das fängt mit Seminaren an, in denen die Mitarbeiter qualifiziert werden, konkrete Ideen und erste Konzepte zu entwickeln. Es folgen weitere Initiativen, bis hin zu einer eigenen Abteilung, die sich ausschließlich um die Digitale Transformation kümmert, also Ideen aus dem Unternehmen und vom Markt aufgreift, diese prüft, bewertet und Potenziale für das eigene Geschäftsmodell bzw. für neue Geschäftsmodelle ableitet. Digitale Transformation betrifft das gesamte Unternehmen und ist Chefsache!

Geschäftsprozesse, Kundenbeziehungen, Produktangebot… Für Unternehmen gibt es heute verschiedene Schwerpunkte, um ihr Geschäftsmodell digital auszurichten. Existiert aus Ihrer Sicht ein sinnvoller Startpunkt?

Startpunkt sollte immer das bestehende Geschäftsmodell, die Kundenanforderungen und die Wertschöpfungskette meiner Branche mit Akteuren sein. Von da aus gibt es drei grundlegenden Pfade, um das Geschäftsmodell digital zu transformieren: intern, extern und direkt.

Intern bedeutet, dass zum Beispiel Produkte, Dienstleistungen und die interne Wertschöpfung transformiert werden. Dazu gehören u.a. die Erstellung neuer digitaler Produkte (wie eBooks, Apps), die Erweiterung des bestehenden Produktangebots auf digitalen Plattformen und Technologien (wie E-Business und M-Commerce) oder der Einsatz von Technologien, um die Kosten in der Supply Chain und in Management-Prozessen zu reduzieren.

Extern bedeutet, dass Kundenkanäle, Kundenbeziehungen, die Zusammenarbeit mit Partnern und die Wertschöpfungskette der Industrie digital transformiert werden. Dazu gehören der Einsatz von Tracking und Analysetools, um das Kundenverhalten zu analysieren und Aussagen bzgl. des Kaufverhaltens zu treffen, oder der Einsatz multipler und integrierter Kanäle, wie Smartphones und Social Media, für ein verbessertes Kundenerlebnis.

Direkt bedeutet, dass beide Pfade parallel genommen werden, d.h., dass das Geschäftsmodell in allen Dimensionen digital transformiert wird.

Bekannte Firmen wie Facebook, Apple, Amazon und Google aus den USA scheinen die Klaviatur der digitalen Geschäftsmodelle bestens zu beherrschen. Was machen diese Tec-Riesen anders?

Das beginnt bereits bei dem Ambiente und der Kultur, die in den Unternehmen vorherrschen. Wenn wir für Kunden Kreativ-Räume a la Google und Apple einrichten und die Beschaffungsliste vorlegen, dann stößt dies zunächst einmal auf Unverständnis, weil sich wenige innerhalb der Einkaufsabteilungen vorstellen können, wie die zu beschaffenen Dinge eingesetzt werden können.

Dann herrschen in diesen Unternehmen oftmals eine andere Dynamik und eine konsequente Ausrichtung der Aktivitäten auf Kundenbedürfnisse. Zusätzlich gibt es einen anderen Umgang mit dem Thema Scheitern. Das strukturierte und ingenieurmäßige Vorgehen, das uns die letzten Jahre erfolgreich gemacht hat, steht uns gerade bei der Digitalen Transformation von Geschäftsmodellen im Weg.

Wir müssen lernen, beide Welten miteinander zu vereinen. Zunächst einmal einfach zu beginnen, iterativ eine Verfeinerung von Konzepten vorzunehmen und erst danach die „perfekte“ technische Lösung zu entwickeln, die sich an den Kundenbedürfnissen ausrichtet. Hier haben wir in manchen Unternehmen noch Nachholbedarf.

Aus meiner Erfahrung sind Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen der Praxis bzgl. Wissen und Erkenntnis häufig einen Schritt voraus. Womit beschäftigen Sie und Ihre Wissenschaftlerkollegen sich aktuell im Falle der Digitalisierung?

Wir sind über die Frage, was Digitalisierung ist und welche Enabler es gibt, hinaus. Das „WAS“ ist geklärt. Im unternehmerischen Kontext ist es entscheidend, die Umsetzung voranzutreiben und bestehende Methoden, wie z.B. Scrum, Lean, Design Thinking und Geschäftsmodell-Innovation, nutzbar zu machen, also das „WIE“ zu klären.

Neben Best Practices, typischen Mustern, Vorgehensweisen und Instrumenten sind die Strukturen und Systeme relevant, die die erfolgreiche Umsetzung der Digitalen Transformation unterstützen. Das können zum Beispiel eigene Inkubatoren und Kooperationen mit Hochschulen und anderen Unternehmen sein.

Als Professor lehren Sie an der Hochschule Ulm Strategie-, Geschäftsmodell-, Prozess- und Innovationsmanagement. Welche Hinweise geben Sie Ihren Studierenden in Sachen Digitale Transformation in den Vorlesungen mit?

Es geht in die Richtung der vorletzten Frage, die Sie gestellt haben. Zunächst einmal geht darum, in Unternehmen zu gehen, den Blick von außen zu bewahren und zu einer offenen Innovationskultur beizutragen. Dazu gehört auch, seinen Vorgesetzten die Relevanz aufzuzeigen und sicherzustellen, dass diese ausreichend Ressourcen, wie Zeit, Geld, Raum, bereitstellen.

Ferner geht es darum, das eigene Geschäftsmodell und Enabler für die Digitale Transformation zu kennen und digitale Potenziale abzuleiten. Das Lernen von Best Practices und de Kooperation mit anderen Unternehmen hilft bei der Umsetzung der Digitalen Transformation, auch wenn es darum geht, Akzeptanz im Unternehmen aufzubauen.

Geeignete Ansätze sind, das bestehende Geschäftsmodells des eigenen Unternehmens in Frage zu stellen oder sogar alternative Geschäftsmodelle aufzubauen, die das bestehende Geschäftsmodell in fünf Jahren vom Markt verdrängen. Unternehmen müssen Vorreiter sein und die Initiative ergreifen, bevor es andere tun. Ideen sollten im Kleinen getestet werden. Generell gilt: mehr zu wagen und weniger reden!

Eine letzte Frage, mit Blick auf die Zukunft: Was kommt aus Ihrer Sicht nach der Digitalisierung?

Das ist eine interessante Frage, die niemand korrekt beantworten kann. Die Digitalisierung bzw. Digitale Transformation wird uns noch viele Jahre beschäftigen. Wichtig ist zunächst, die Projekte, die jedes Unternehmen derzeit hat, umzusetzen, danach neue Potenziale zu erkennen und diese zu heben.

Kurz gesagt: Erst einmal die Hausaufgaben erledigen, bevor neue Projekte initiiert werden; besser gesagt: Digitalisierung – einfach – machen!

Das Interview führte Dr. Christopher Schulz, 04. April 2017.

Zur Person Prof. Dr. Daniel Schallmo

Digitalisierung - einfach - machen! – Prof. Dr. Daniel Schallmo im Interview (digitale Transformation)

Daniel Schallmo ist Ökonom, Unternehmensberater und Autor zahlreicher Publikationen. Er ist Professor an der Hochschule Ulm und leitet das privatwirtschaftliche Institut für Business Model Innovation. Er ist ebenso Gründer und Gesellschafter der Dr. Schallmo & Team GmbH.

Seine Methoden, insbesondere die Innovation von Geschäftsmodellen, wurden bereits über 100-mal über 5.000 TeilnehmerInnen vorgestellt; dazu zählen auch Konferenzteilnahmen und Vorträge (> 50).