Beitragsbild Wolfgang Göbl

Digitalisierung und Agilität. Fast immer werden diese beiden Begriffe in einem Atemzug genannt. Digitale Unternehmen arbeiten agil. Andersherum bringen agile Unternehmen digitale Produkte und Dienstleistungen hervor. Doch reicht das aus?

Nein, findet zumindest Dr. Wolfgang Göbl, Enterprise Architect, Autor und Gründer der Architectural Thinking Association®. Es braucht einen Architectural Thinking Mindset. Wir wollen es genau wissen und sprechen mit dem Österreicher über die Grenzen der Agilität, ein architekturelles Denken sowie die Zukunft der IT-Abteilung.

Dr. Wolfgang Göbl: schaffen wir zunächst ein gemeinsames Verständnis – was verstehen Sie unter Architectural Thinking? Handelt es sich hier um eine spezielle Geschmacksrichtung von Enterprise Architecture Management (EAM)?

Architectural Thinking ist zunächst einmal ein Mindset. Bewusst wollen wir dieses neben dem aktuellen Hype-Mindset ‚Agilität‘ platzieren. Parallel zu einem agilen Denken benötigen Unternehmen ein architekturelles Denken.

 In unserem Verein Architectural Thinking Association® wollen wir das architekturelle Denken fördern und zwar nicht nur im kleinen, geschlossenen Team, sondern für die gesamte Organisation. Dazu ergänzen wir das Mindset durch ein Architectural Thinking Framework. Architectural Thinking wird damit zum Enterprise Architecture Management, der Entwicklung und Gestaltung von Unternehmensarchitekturen. Nur eben in den Köpfen von vielen Akteuren, statt wenigen Architekten.

 In Zeiten agiler Entwicklung, digitalen Technologien und absoluter Kundenzentrierung: was genau macht ein Architectural Thinking für Unternehmen so wichtig?

 Ich bin ein großer Fan des Konzepts den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Auch bei der Agilität steht der Kunde im Zentrum, denken Sie nur an das Agile Manifesto und den Wert der „Customer Orientation over Contract Negotation“. Das Problem bei Agilität: der Kunde „Unternehmen als Ganzes“ wird vergessen.

 Ansätze wie Design Thinking und Scrum fokussieren sehr stark auf Einzellösungen. Im Sinne des Gesamtunternehmens sind die individuell optimierten Lösungen oftmals eine Katastrophe. Hier kommt das Architectural Thinking ins Spiel. Dieses findet im gesamten Unternehmen statt, jedem im Team sind strukturelle Zusammenhänge und der Kunde ‚Unternehmen‘ bewusst.

 Stellen wir uns vor ich bin Mitarbeiter eines großen Unternehmens und ich besitze ein Architectural Thinking Mindset. Welche Eigenschaften zeichnen mich aus?

Architektur beginnt im Fachbereich. Beispielsweise ist die Definition von Organisationsstrukturen bereits ein Teil der Geschäftsarchitektur. Oft erlebe ich es, dass der IT-Abteilung die Schuld für eine katastrophale Applikationslandschaft gegeben wird. 

Denken Sie hier tiefer. Eigentlich handelt es sich um fehlerhafte Entscheidungen der Fachbereiche. Entscheidet ein Fachbereich bzgl. Inhalte, Budget oder Terminplan falsch, dann finden Sie die Auswirkungen wie beispielsweise technische Schulden in der IT. Aus diesem Grund konzentrieren sich auch 90 Prozent unseres Architectural Thinking Frameworks® auf die Geschäftsarchitektur. Beispielsweise sind vier von fünf Elementen unseres Meta-Modells Geschäftselemente.

 IT wird immer mehr zu Commodity, verschwindet in der Cloud. Meine Hypothese: in 10 Jahren wird es keine IT-Abteilung mehr geben, denn diese sind vollständig mit den Fachbereichen verschmolzen.

Auf der Webseite der Architectural Thinking Association® stellen Sie ein Framework vor, welches neben einem Basismodell, verschiedene Architekturkarten & -prinzipien sowie Integrationspunkte zu anderen Unternehmensprozessen enthält. Wo liegen die Ursprünge für dieses Rahmenwerk?

Seit ca. 12 Jahren bin ich durchgehend im Bereich EAM tätig, das hat 2006 bei den Raiffeisen Banken hier in Österreich begonnen. Damals hatte ich auch mit dem The Open Group Framework® (TOGAF) und dem Modellierungsansatz ArchiMate® Kontakt, habe die Inhalte in verschiedenen EAM-Projekten eingesetzt. Über die Zeit habe ich die Umsetzungsmethode immer weiter reduziert und diese schließlich in die Initialfassung des Architectural Thinking Frameworks® einfließen lassen.

 Die zweite Strömung ist die Facharchitektur. Ich bin ein großer Fan des BIZBOK®, dem Business Body of Knowledge der Business Architecture Guild. Mehrere Ideen fanden ebenfalls Eingang in das Rahmenwerk.

 Last but not least habe ich auch Konzepte des Agile Modelings von Scott Ambler in das minimalistische Framework übernommen. Das Ziel der Architectural Thinking Association® ist es nun, soviel Wissen und Erfahrung wie möglich von anderen Architektur-Denkern in das Rahmenwerk einzubringen. Möglichkeit dazu besteht in unserem frei verfügbaren Wiki

 Prinzipien, Meta-Modelle und Methoden finde ich auch in Ansätzen wie The Open Group Architecture Framework (TOGAF)® oder das Zachman Framework wieder. Wie grenzen Sie das Architectural Thinking Framework® ab?

 Kommerzielle Ansätze wie die von Ihnen genannten haben oft die Tendenz, komplex zu sein. Gerade für Neulinge stellt das eine Hürde dar. Die Folge: es werden Schulungen gebucht und Wissensprodukte gekauft. Die Organisationen hinter den Frameworks verdienen. Übrigens ist der von Ihnen interviewte EAM Experte Svyatoslav Kotusev ebenfalls dieser Meinung.

 Hier wollen wir einen Gegenschwenk machen. Wir wollen mit dem Architectural Thinking Framework® kein Geld verdienen. Das Framework soll sich analog einem Apple iPhone selbst verkaufen.

 EAM wird oft nachgesagt, im Elfenbeinturm stattzufinden und keine Mehrwerte für die Stakeholder zu generieren. Auf welche Weise steuert ein Architectural Thinking diesem Vorurteil entgegen?

 Derzeit erstellen wir eine Vision für das Architectural Thinking, orientieren uns dabei unter anderen am Unternehmen Apple. Der ehemalige CEO Steve Jobs erhielt damals auf der Apple’s World Wide Developers Conference mehrere kritische Fragen von Technikern. Jobs wollte die Fragen nicht beantworten, entgegnete indes, dass man stets den Kunden in den Mittelpunkt stellen muss und ihm eine kohärente größere Vision bieten muss. Die Technik ergibt sich daraus dann ganz von selbst.

 Der Hauptkunde von Architectural Thinking und EAM sind der CEO und das Management. Auf Basis derer Bedürfnisse leitet sich schließlich auch das Architectural Thinking Framework ab. In der Architectural Thinking Association® arbeiten wir sehr stark daran, das User Interface und den Nutzen von Architekturen klar zu halten. Wenn jeder im Unternehmen ein Architectural Thinking Mindset verfolgt, dann gibt es auch keine Stakeholder mehr denen man das Thema Enterprise Architektur verkaufen muss – derzeit ein großes Problem für Enterprise Architekten

 Finale Frage: Was haben Sie mit der Architectural Thinking Initiative vor?

 Wir wollen das Architectural Thinking Framework zum gängigsten Architekturframework machen und Architectural Thinking ähnlich populär machen wie Agile. Agilität alleine wird die digitale Transformation nicht bewältigen, es braucht zusätzlich ein an der Geschäftsvision des Unternehmens ausgerichtetes Skelett nach denen die digitalen Initiativen und deren Abhängigkeiten gesteuert werden können. Und es braucht neben den „soften“ Themen wie Kultur und Leadership ebenfalls Engineering. Alle diese Ergänzungen finden Sie im Architectural Thinking Framework.

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und das geteilte Wissen. Grüße nach Wien.

Das Gespräch führte Dr. Christopher Schulz.

 

Mit Dr. Wolfgang Göbl in der Leitung – das Telefongespräch

Weshalb reicht Agilität für die digitale Transformation nicht aus? Warum fängt Architectural Thinking in den Fachbereichen an? Alle Gesprächsdetails können Sie im rund 25-minütigen Interview zwischen Dr. Wolfgang Göbl und Dr. Christopher Schulz nachhören.

 

Zur Person Dr. Wolfgang Göbl

Profilfoto Dr. Wolfgang Göbl

Dr. Wolfgang Göbl ist Präsident der Architectural Thinking Association® und Ersteller des ersten Entwurfs des Architectural Thinking Frameworks®. In den letzten zwölf Jahren war er in mehreren großen Unternehmen in Österreich im Bereich Enterprise Architecture Management (EAM) tätig. Neben seinem Job als Senior Lead IT Consultant bei iteratec in Wien, ist er ein anerkannter Redner auf EAM-Konferenzen und Autor mehrerer Publikationen. Dr. Göbl ist Querdenker und Visionär, mit einer Leidenschaft State-of-the-Practice-Konzepte aus neuen und aufregenden Gesichtspunkten zu betrachten.

Sein Antrieb ist das Feld des EAM voranzutreiben. Sie finden ihn auf LinkedIn.